После августа 2020: истории ЛГБТ+ людей в Беларуси

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VIERTE GESCHICHTE

Ich verließ Belarus in den ersten Tagen der Ereignisse im August 2020. Mein Umfeld hatte mich davon überzeugt, dass es für mich nicht ungefährlich wäre dazubleiben, dass man uns nach einem Machtwechsel vor Gericht stellen würde. Ich flüchtete. Beim ersten Mal flüchtete ich vor jenen, die den Wandel wollten. Ein halbes Jahr später flüchtete ich ein zweites Mal, aber nun vor den Adepten der „scheidenden Epoche“.

Ich fühlte mich lange als Teil des Systems. Bis August 2020 hatte ich die Protestbewegung nicht unterstützt. Mir war klar, dass die Protestierenden nicht wussten, mit wem sie sich anlegten. Durch meine Arbeit wusste ich genau, was das Regime repräsentiert, da sind Illoyale schon vor 15 Jahren entfernt worden. Daher wurde meine Angst umso größer, je mehr die Euphorie wuchs.  

In gewissem Sinne ist das, glaube ich, ein Fall von Stockholm-Syndrom, bei dem die Schwachen, von Natur aus Verletzlichen, sich auf die Seite der Macht schlagen und sich in dieser Position beschützt und sicher fühlen. Das hat natürlich einen sehr starken Einfluss auf unsere Bewertung der Wirklichkeit. Daher stand ich bis zu dieser zur Fratze verzerrten Epoche, bis zu diesem schrecklichen August, bis zu dieser noch nie dagewesenen Gewalt und der daraus resultierenden humanitären und politischen Krise nicht auf der Seite der Protestierenden. Ich stand auf der Seite der scheidenden Epoche. Ich war überzeugt, dass wir alles durch Evolution erreichen können – wollen Sie etwa behaupten, in diesem Land gebe es keinen Fortschritt und keine Veränderung? Das ist ja nicht wahr. Daran habe ich ganz fest geglaubt. Doch heute sehe ich das anders. Ich habe auch genau aus dem Grund, weil ich sehr nah dran war an diesem System, vieles durchgemacht. Weil ein solcher „Verrat“, eine solche „Untreue“ (im Koordinatensystem des Regimes) natürlich hart bestraft wird.

Ich habe vonseiten der scheidenden Epoche keine einzige vernünftige Entscheidung gesehen und war sehr enttäuscht. Es hätte viele Möglichkeiten dafür gegeben, auch nur einen adäquaten Schritt auf das Volk zu zu machen. Das ist ja keine politische Partei, keine Opposition. Das sind sehr unterschiedliche Menschen mit sehr verschiedenen Ansichten. Ich habe keinen Schritt in Richtung der Entwicklung gesehen, auf die ich so gehofft hatte. In mir hat sich vieles verändert. Im September wurde ich zu einem Theaterfestival in die Ukraine eingeladen, aber von der Arbeit aus wurde es mir verboten hinzufahren. Ich nahm mir Urlaub, und alle wussten, wo ich ihn verbringe. 

Ab da begann meine Abspaltung vom System. Nach meiner Rückkehr wurde mir das als Verrat vorgeworfen. Ich wurde als „moralisch instabiler Mitarbeiter“ eingestuft. Es begann eine Konterrevolution, die Revanche der scheidenden Epoche. „Andere“ wurden einfach nicht mehr gebraucht, und das hat natürlich gerade mich stark betroffen.

Das war so eine Zeit der „funktionalen Multivektorialität“, in der „Andere“ gebraucht wurden, die man quasi vorweisen konnte („bei uns gibt es das auch“). So sehr es mich auch angewidert hat, als sie über mich sagten: „Haben wir halt auch so eine Quoten…“ (...schwuchtel, wollten sie sagen), war es doch auch eine gewisse Freiheit. Ich hatte mir die maximal mögliche Freiheit erkämpft, ohne das System zu verlassen und meinen Zugang zu seinen Ressourcen aufzugeben, die ich natürlich zweckentfremdete und keineswegs zur Erfüllung einer ideologischen Funktion nutzte. Ich war in diesem System drin und verstehe, dass diese Strukturen (die Akademie der Künste, die Musikakademie, das Kulturministerium) absolut für gar nichts gut sind, außer dass sie nötigenfalls zur ideologischen Waffe werden und ideologische Funktionen erfüllen – so wie das auch jetzt passiert ist. Aber ich verstehe auch, dass ich nicht dafür dort war. Ich hatte andere Pläne. All die Jahre meiner Arbeit in diesem Bereich hindurch spielte und propagierte ich ein ganz anderes Theater. Innerhalb dieses Systems gelang es mir, mir die größtmögliche Freiheit zu erobern, ich selbst zu sein. Das ging auch deshalb, weil solche Menschen gebraucht wurden, man musste in seinem Stapel auch solche „Karten“ parat haben. Dann brauchte man sie aber nicht mehr und konnte solche Leute aussortieren. 

Mein Bruch mit dem staatlichen System war interessanterweise nicht mit einem konkreten Ereignis verbunden, mir wurde kein konkreter Aktivismus im August 2020 oder danach vorgeworfen. Ich wurde beschuldigt, alles bis dahin falsch gemacht zu haben. Die Stücke, für die ich mich eingesetzt, die Texte, die ich geschrieben habe, alles, was ich gemacht hatte, galt als „zielgerichtete Unterminierung der Ideologie“.    

Die Leitung wollte mir wegen „Vertrauensverlusts“ aufgrund von „Nichterfüllung von Anweisungen des Komitees für staatliche Sicherheit“ kündigen. Ich setzte eine Kündigung wegen auslaufender Frist meines Dienstvertrages durch. Ich wollte nicht nach einem politischen Artikel entlassen werden. Wieso eigentlich nicht? Wahrscheinlich ging das für mich nicht, weil ich es als Bilanz einer bestimmten Periode in meinem Leben sah. Und ich wollte eine derartige Bewertung nicht, die hatte ich nicht verdient. Ich wollte, dass wir aus einem neutralen Grund auseinandergehen.  

Als mein Arbeitsverhältnis am Jahresende vorbei war, fuhr ich in die Ukraine. Es war eine sehr schwere Zeit, allein schon, was meinen Alltag betraf – ich hatte kein Geld, musste oft umziehen, hatte überhaupt keine Fixpunkte. Das war ein Riesenunterschied zu meinem bisherigen Leben. Leute, die mich als berufstätigen, erfolgreichen Mann kannten, sahen mich jetzt als einen, der um Hilfe bat, der eine temporäre Bleibe brauchte. Im Endeffekt lebte ich einen Monat lang in der Ukraine, in einem kleinen Haus mit verglaster Veranda, durch die Licht hereinfiel – doch in meinem Zimmer gab es kein Fenster. Das hatte alles großen Einfluss auf mich. Noch dazu war ich vollkommen allein. Irgendwann war ich in so schlechter Verfassung, dass ich Heulkrämpfe bekam, ich schluchzte, rang nach Luft und konnte nicht mehr aufhören.

Schließlich trank ich zu Silvester, das ich in einem Kiewer Hostel feierte, eine Flasche Champagner und beschloss, am nächsten Tag nach Minsk zu fahren. Am Abend des 1. Januar nahm ich den letzten Minsktrans-Bus nach Minsk.

Jetzt bin ich in Sicherheit. Ich halte mich ganz gut. Doch der schlimmste Gedanke ist für mich heute, dass ich nirgendwohin zurückkehren kann. Dass ich in Belarus keinen Auftrag mehr habe. Natürlich möchte ich das Recht haben, zu meiner Familie zurückzukehren, zu Leuten, die mir nahestehen und die noch dort sind. Ich würde gern zurück nach Minsk, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe.

Was jetzt in Belarus passiert, bedeutet für mein Leben eine starke Entwertung, auf verschiedensten Ebenen. Eine Kampfansage an das Akademietheater, an die belarussische Theaterschule, an den gesamten zivilen Sektor ist auch eine Kampfansage an mich persönlich. Ich habe das Gefühl, die Welt bricht zusammen. Alles rundherum zerfällt.  

Ich spüre großen Schmerz und Verlorenheit. Ich bin ja sehr bewusst zum Theater gegangen, in ziemlich reifem Alter, habe auf vieles verzichtet und alles in diesen Beruf investiert, aber offenbar alles verloren. Mein ganzes Leben hatte ich dort – mein Privatleben, alle meine Pläne. Das heißt, ich bin gezwungen worden, meinen Beruf aufzugeben. Und was das Staatssystem betrifft – da kam ich gerade mal mit einem Koffer heraus, hatte nichts verdient, nichts bekommen. Mit diesem Koffer verließ ich Belarus, und aus … Mehr hab ich nicht.

Ich habe mir überlegt, warum mir Anonymität wichtig ist. Obwohl ja eigentlich alles in der Vergangenheit liegt. Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem mir wichtig war, nicht wegen „Vertrauensverlust“ gekündigt zu werden. Ich kann meine Verbindung zu dieser Zeit nicht kappen. Solche Sachen offen zu sagen würde für mich bedeuten, mit der Vergangenheit zu brechen. Ich habe nicht die Kraft, das zu tun, zumindest jetzt nicht. Gleichzeitig verleiht die Anonymität dieser sehr persönlichen Geschichte mit ihren für manche vielleicht nicht so populären und typischen Verweisen immerhin ein gewisses Gefühl von Universalität: Es gibt auch Menschen mit solchen Ansichten, mit solchen Erfahrungen. Menschen, die im System waren, sich als dessen Teil gefühlt haben und in sich selbst diese Revolution durchlebt haben, haben dieses System vollständig hinter sich gelassen.    

Übersetzung aus dem Russischen: Ruth Altenhofer

 

 

FÜNFTE GESCHICHTE

I

"Schwuchteln" – so nannten sie uns, und so nannten wir sie. Ich erinnere mich an kein einziges Wort, das so oft und mit solcher Bosheit verwendet wurde – mit der Bedeutung höchste Stufe der Unmenschlichkeit.

Ich erinnere mich, dass meine Zellengenossen, während ich meine Strafe absaß, regelmäßig das Thema LGBTQ + "diskutiert" haben, natürlich negativ. Ich war so verängstigt, verletzt und verbittert, obwohl es nicht der erste und nicht der letzte Fall war, aber es scheint unmöglich, sich daran zu gewöhnen. Und du kannst diesen Gesprächen nicht entkommen, weil ihr zusammen eingesperrt seid. Es schien, dass wir für dieselbe Sache auf die Straße gehen und einsitzen, aber es spielt keine Rolle. Ich habe ihnen nichts erzählt, weil ich Angst hatte, die Beziehung zu ruinieren. Es war eine soziale Isolation innerhalb der sozialen Isolation.

Es hat mich gestört, dass das Leute sagen, die eigentlich auf derselben Seite stehen wie wir. Selbst wenn also dieses Regime abtritt, werden wir immer noch Probleme haben. Ich habe die Kommentare unter den Fotos mit Regenbogenfahnen gesehen. „Warum seid ihr auf die Straße gegangen? Wir sind nicht mit euch." Und das schreiben junge Leute. Du begreifst, dass du immer noch mit diesen Menschen in derselben Gesellschaft leben musst, in demselben Belarus – neu oder alt – und du begreifst, dass sie nicht auf deiner Seite sind. Sie sehen das neue fortschrittliche Belarus auf ihre Weise. Und wir scheinen dort keinen Platz zu haben, oder nur in der Form - sitz in deiner Ecke und halt die Klappe ("hinter verschlossenen Türen könnt ihr machen, was ihr wollt"). Diese Kommentare sind nicht nur, was Menschen in sozialen Netzwerken schreiben. Das sind echte Menschen, die wirklich so denken und dies wirklich sagen. Und ich habe das gehört, ich habe das gesehen, ich habe mit ihnen gesessen.

II

Ich wurde am 13. November festgenommen. Während ich saß, schrieb mir meine Mutter, dass meine Cousine einen Sohn geboren hat. Am Tag meiner Festnahme. Ich wurde verhaftet und irgendwo anders kam mein Neffe auf die Welt.

Als die Nachricht vom Tod Raman Bandarenkas kam, ging ich zum Platz des Wandels7, zündete eine Kerze an, legte Blumen nieder… Und am nächsten Tag wollten wir etwas an der Universität machen - auf die Vortreppe des Wohnheims gehen, die Taschenlampen der Handys anmachen, reden und Emotionen teilen. Ich ging raus - niemand war da. Ich ging zu unserem zweiten Wohnheim - dort war auch niemand. Und dann hat mich der Teufel dazu getrieben, zum „Wisent“ zu gehen. Ich dachte, wenn dort auch niemand ist, stelle ich mich auch nicht hin. Ich war damals mit den Nerven am Ende - wenn, verdammt, solche Neuigkeiten kommen, und du begreifst, heute - er und morgen bist du oder ein Freund dran. Also ging ich dorthin, und da standen drei Frauen. So ganz normale, intelligente Frauen. Wir begannen mit den Taschenlampen zu leuchten, schrien nichts, sagten nichts, ich sprach nicht einmal mit ihnen. 10-15 Minuten waren vergangen, als schon ein blauer Van vorfuhr. Ich hatte mich schon umgedreht, um zu gehen - da wurde ich am Arm gepackt und in den Van.

In Akreszina8 fragte die Ärztin, ob ich irgendwelche chronischen Krankheiten habe. Ich sagte, ich habe Depressionen und Angstzustände. Was nehmen Sie dagegen? Ich sage - das und das. Und sie so - nun, das haben wir nicht. Kurz gesagt, ich hatte eine zweiwöchige Pause von der Einnahme der Medikamente. Ich hatte Angst, dass es mir superschlecht gehen würde, aber wahrscheinlich hat der Körper sich ein wenig mobilisiert. Und all diese Kräfte, all die Wut verwandelte sich in Überlebensenergie – man musste einfach überleben.

Unter dem Einfluss von Adrenalin wollte ich lachen. Bei mir setzte eine Derealisation ein. Es kam mir vor, als ob das nicht real war, als würde ich irgendeinen Film ansehen. So hat das Gehirn es gehandhabt. Du wachst auf und willst dir die Augen reiben und nochmal aufwachen. Und sie haben mich bei so einer blöden Sache festgenommen - nicht für einen großen Marsch, nicht für eine Superaktion, sondern für eine kleine Solidaritätskette aus fünf Menschen. Wir hatten nicht einmal Fahnen oder Plakate, nichts. Aber die Protokolle besagten, dass wir mit Plakaten und Fahnen standen, "Es lebe Belarus" riefen, alle behinderten und supergefährlich waren. Ich gab keine Schuld zu, aber es interessierte niemanden.

Ich bekam 15 Tage Haft.

Nach Mahiljou fuhren wie im Autasak [Gefängnistransporter – Anm. d. Ü.] in der „Kabine“, ein Meter mal ein Meter – wir waren zu zweit oder zu dritt darin. Angekommen - wieder die ganze Durchsuchung. Jedes Ding, jedes Kleidungsstück, sogar die Maske, wurde mit einem Metalldetektor durchgecheckt. Man musste sich nicht einfach nur ausziehen und hinsetzen - umdrehen, Zunge rausstrecken, Fersen, Ellbogen zeigen - alles wurde durchgecheckt und angeschaut. Wir haben länger als einen Tag nichts gegessen. Einmal in der ganzen Zeit ließen sie uns rausgehen. Zwei Wochen lang nicht gewaschen - irgendwie haben wir das alles ausgehalten.

Nun, und während wir saßen redeten und redeten unsere Jungs. Konkret kann ich mich nicht mehr erinnern, aber mal etwas Beleidigendes, mal etwas Unwahres. Dinge wie „Ich bin nicht homophob, aber…“. Wenn sie das sagen, fühlen sie sich frei und selbstbewusst. Sie können es sagen und fühlen sich nicht in der Minderheit. Sie denken, dass du auch „bei ihnen“ bist, dass du sie unterstützt, dass alle so denken. Man möchte sagen – ich sitze hier mit dir ein, ich bin so einer – wie du, ein normaler guter Junge, wir reden ganz normal miteinander… Aber wir müssen noch sitzen und sitzen, und wenn etwas schief geht, war es das. Sie werden mich natürlich nicht an den Pranger stellen und nicht auf mich spucken, aber wer weiß, was sie tun und was sie sagen werden. Ich kann ja nicht einfach rausgehen, während sie dort über "Schwule oder nicht" diskutieren. Und du begreifst, dass die Leute, die bei allem Guten und Strahlenden, für unseren Sieg an deiner Seite sind, trotzdem gegen uns sein werden, wenn es vorbei ist. Und was immer du sagen wirst – dass wir auch auf die Straße gegangen sind, dass wir auch mit euch eingesessen haben – du wirst nichts beweisen. Beschämend und bitter. Du wirst nirgendwo hingehen, ohne das zu hören. Ich entschied mich, nicht mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, um einfach sicher zu sein. Denn das Einsitzen sollte noch eine lange Zeit dauern. Und diese Gespräche kamen regelmäßig auf.

Die ganz normale systemische Homophobie, die ihr Spinnennetz über die ganze Gesellschaft ausgebreitet hat und buchstäblich unser ganzes Leben beeinflusst.

III

Als ich die Haftanstalt Mahiljou verließ, traf ich zuerst meine Mutter an der Tür, dann stand mein Freund da und dann alle anderen. Wir umarmten uns einen Augenblick lang. Aber obwohl wir uns fast geküsst hätten, würde Mama nichts verstehen. Freunde sind halt Freunde. Er kam also, um mich zu treffen, bestellte sich eine Marschrutka [Sammeltaxi – Anm. d. Ü.] für den Abend, dachte, er würde nach Minsk zurückkehren. Und ich so - warum kommst du nicht mit zu uns nach Hause? Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Nun, und meine Eltern – ja klar, bleib über Nacht bei uns. Also verbrachte mein Freund, von dem meine Eltern nicht wussten, die Nacht bei mir zu Hause. Das war krass. Am Morgen hat er mit meiner Mutter gequatscht, und dann hat meine Mutter ihn zu der Marschrutka nach Minsk gebracht. Sie denkt immer noch, dass wir nur Freunde sind, und wir haben uns vor einem Monat getrennt. Ein bisschen gelitten, aber ging schon.

Weder Mama noch Papa wissen, dass ich schwul bin. Ich sehe es, wenn so etwas im Fernsehen gezeigt wird, murren sie ein wenig. Ich fürchte, dass es Probleme geben kann, solange ich keine finanzielle Stabilität habe und nicht alleine wohnen kann. Wenn ich einen Wohnheimplatz habe, ein Stipendium, wenn ich weniger abhängig bin - vielleicht erzähle ich es dann. Aber ich glaube, dass sie es akzeptieren werden. Weil meine Mutter und ich viel durchgemacht haben. Als ich mit Depressionen ins Krankenhaus kam - war sie an meiner Seite, und als ich dann ins Gefängnis kam - hat sie alles tapfer durchgemacht, mich unterstützt, sagte "Ich bin bei dir". Als letzte Prüfung ist geblieben, meiner Mutter zu sagen, dass ich schwul bin. Ich denke, wahrscheinlich wird alles gut. Papa ist auch kein super toxisch-maskuliner Mann, nicht super homophob. Ich glaube an sie. Sie sind gute Leute, sie werden es lernen.

IV

Nach dem Einsitzen habe ich einen Fragebogen für kostenlose psychologische Hilfe ausgefüllt. Ich schrieb, dass ich möchte, dass der Psychologe (vorzugsweise eine Psychologin) LGBT-freundlich ist. Und so haben wir dort meine ganze Schwulengeschichte bearbeitet. Wir haben gar nicht großartig über meine Inhaftierung gesprochen. Es war notwendig, alles aufzuarbeiten – über die Beziehung, darüber, wie ich aufgewachsen bin, über meine Kindheit, über meine Eltern. Sie hat mir super geholfen. Es stellte sich heraus, dass ich erst ins Gefängnis musste, um diese Hilfe bekommen zu können. Nur sagen zu müssen, dass ich schwul bin und diese Hilfe brauche, war super-wunderbar.

Ich kann schon darüber reden, scherzen, aber meine Stimme zittert noch. Wenn Polizisten, vor allem in Uniformen mit Schlagstöcken, vorbeigehen, ist es krass, das Herz zieht sich sofort zusammen. Auch wenn es kein Polizist ist, sondern ein Wachmann im Supermarkt, oder einfach nur ein Mann in Schwarz … Immer noch furchtbar.

Ich wurde von der Tatsache gestützt, dass ich wusste, dass alles vorbei sein würde, ich herauskommen würde und das Leben normal sein würde. Ich wusste, dass mich an der Uni wahrscheinlich niemand exmatrikulieren würde. An der Fakultät wurde ich unterstützt, sie erkämpften mir eine normale Reaktion des Rektorats. Das heißt, ich hatte keine Probleme in der Uni, ich beendete das Semester in Ruhe und ließ mir, als sich der Zustand verschlechtert hat, ein Freisemester geben. Das wurde mir normal zugestanden, nur per Krankenschein, auf dem Papier - ich bin in Behandlung und brauche ein Jahr dafür.

Es kamen sehr aufbauende Briefe und Sendungen. Die Briefe waren von Leuten, von denen ich keine erwartet hätte. Zum Beispiel von einem Mädchen, das ich nicht kenne - ein fremder Mensch hat mir einfach einen Brief geschrieben. Oder Leute, von denen ich nicht erwartet hatte, dass sie an mich denken, oder gar einen ganzen Brief schreiben würden. Freundinnen und Freunde haben geschrieben. Sie sagten dann, dass sie versucht hätten, mir die Mitschriften zu übergeben – es hat nicht funktioniert, ich habe sie später bekommen, aber mir war trotzdem warm ums Herz. Ich bewahre sie alle auf, ich werde mich an sie erinnern. Briefe sind superwichtig, man muss unbedingt Briefe schreiben – das ist eine große Stütze.

Übersetzung aus dem Belarusischen: Michael Pietrucha

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